Psychischen Krisen vorbeugen, sie meistern und nutzen - Teil 1 von 3

14.09.2012

Sonne, Eis am Stiel, angenehme Temperaturen - noch ist der Sommer nicht ganz vorbei! Doch was tun, wenn das Leben nicht „Sommer, Sonne, Sonnenschein“ ist. Was, wenn aus der Sonne eine Gewitterwolke wird oder das Eis vom Stiel plötzlich so schnell wegschmilzt, dass man gar nicht mehr weiß, was man tun soll. Ob durch eine Diagnose beim Arzt, eine unangenehme Einsicht, eine plötzliche Trennung oder eine Kündigung am Arbeitsplatz. Solche Situationen haben eines gemeinsam: Sie kommen oft unverhofft und können unser Leben von einer Sekunde auf die nächste vollständig durcheinanderbringen.

Aber muss das so sein? Können wir uns nicht irgendwie schützen? Nun, vor Krisen ist niemand sicher. Aber wir können lernen mit ihnen umzugehen und uns auf sie vorzubereiten. Denn oft gibt es Anzeichen für eine nahende Krise und uns kann es gelingen sie rechtzeitig wahrzunehmen und gegenzusteuern.
Auch in Krisenzeiten selbst haben wir oft mehr Möglichkeiten, als wir vermuten, um eine Krise effektiv zu meistern.
Was in der Krise ein wichtiges Hilfsmittel ist, kann auch in krisenfreien Zeiten helfen, einen achtsameren Umgang mit sich selbst und mehr psychische Stabilität zu erlangen. Daher lohnt es sich, die folgenden Lösungs- und Präventionsstrategien bereits im Alltag auszuprobieren, um Krisen vorzubeugen und um im Ernstfall vorbereitet zu sein.

Wie wir Krisen vorbeugen

Psychische Krise – wo fängt sie an, wo hört sie auf?
Wir alle kennen den Begriff Krise. Beinahe täglich werden wir in allen Bereichen damit überflutet. Die Sportzeitung berichtet, dass eine Mannschaft in einer tiefen Formkrise steckt. Wirtschaftsexperten zeigen sich besorgt über die Eurokrise. In sogenannten fernöstlichen Krisenregionen ist kein Ende des Konfliktes in Sicht. Ein Künstler steckt in einer Schaffenskrise. Eins steht fest, Krisen scheinen allgegenwärtig zu sein und nichts Gutes zu verheißen. Aber ist das wirklich immer so?

In der Psychologie bezeichnet der Begriff Krise

  • einen schmerzhaften seelischen Zustand, der von zeitlicher Begrenzung ist,
  • der oftmals durch belastende und überraschende Ereignisse oder infolge von starker Überforderung ausgelöst wird
  • und den wir mit gewohnten Problemlösungsmethoden nicht bewältigen können.

Zur psychischen Krise kommt es also, wenn wir mit Ereignissen oder Lebensumständen konfrontiert werden, die wir im Augenblick nicht bewältigen können. Dies führt dazu, dass wir uns währenddessen oftmals handlungsunfähig fühlen und mitunter unsere bisherigen Ziele, Werte und Erfahrung in Frage gestellt sehen. Die Folge ist gewissermaßen der Verlust unseres Orientierungssystems.

Interessant ist aber auch, dass viele Definitionen ausdrücklich auf die Chance zur positiven Veränderung unseres Lebens durch eine Krise hinweisen.

So schreibt z. B. das Roche Medizinlexikon: »Psychische Krise: […] stellt jedoch oft auch die Voraussetzung für durchgreifende positive Veränderungen der Lebenshaltung dar.«

Die Krise ist also Belastung, aber auch Indikator für notwendige Änderungen in unserem Leben und damit auch Chance für ein gelungeneres Leben danach.
Sicherlich wäre es den meisten trotzdem am liebsten, Krisen vollkommen aus dem Leben zu verbannen. Da dies aber niemandem so recht gelingen will, ist es realistischer, sich so gut es geht auf herausfordernde Zeiten vorzubereiten, und dadurch das Risiko zu verringern, in heftige Krisen zu geraten.
Wie aber bereitet man sich auf Krisen vor? Ist das nicht ein Paradox an sich, wenn Krisen per Definition meist überraschend kommen? Im Folgenden erfahren Sie Lösungsideen zu dieser Problematik.

Krisenanzeichen erkennen und nutzen

Fragen wir uns doch mal, was eigentlich damit gemeint ist, wenn wir sagen, dass es in einer bestimmten Situation oder Beziehung “kriselt”? Drücken wir damit nicht aus, dass es in einem solchen Fall Anzeichen für eine Krise gibt, sie aber noch nicht wirklich tragisch ist? Das würde bedeuten, dass es manchmal möglich ist, eine nahende Krise zu erkennen, bevor sie unkontrollierbare Ausmaße annimmt. Was aber sind solche Anzeichen?

Als typische Anzeichen gelten Veränderungen im

  • Emotionalen Bereich wie z. B. leichte Reizbarkeit, ungewöhnlich starke Emotionsschwankungen, Verzweiflung, Ängstlichkeit, Ratlosigkeit, Gefühle von Überforderung, Wut und vermehrter Aggression,
  • Sozialen Bereich wie z. B. Rückzug aus dem sozialen Geschehen
  • Kognitiven Bereich wie z. B. vermehrte Vergesslichkeit, Verwirrung, Konzentrationsschwierigkeiten, Sprunghaftigkeit
  • Körperlichen Bereich wie z. B. Ess- und Schlafstörungen, Suchtverhalten, häufige Kopfschmerzen, Hautreaktionen, Magen-Darmbeschwerden, Sexuelle Unlust/Impotenz
  • Signale aus dem Umfeld wie z. B. „Du wirkst ziemlich gestresst in letzter Zeit“, „Du reagierst so gereizt”, „Du siehst müde aus”, „Ist irgendwas”, „...so kenn ich dich gar nicht”

Aber Achtung: Es ist wichtig, zwischen möglichen Symptomen und normalen, temporären Veränderungen zu unterscheiden. Nicht jeder vorübergehende Rückzug aus dem sozialen Geschehen oder jede aufkommende Vergesslichkeit ist zwangsläufig Anzeichen einer nahende Krise. Schwankungen und Veränderung gehören zur gesunden Entwicklung des Menschen. Wichtig ist, dass wir Veränderungen immer in Relation zu unserem Normalzustand setzen. Wenn wir uns beispielsweise ohnehin zu den eher emotionaleren Menschen dieses Planeten zählen, ist es nicht ungewöhnlich in Phasen, in denen sich berührende Ereignisse häufen, ein paar Tränen mehr zu vergießen als gewöhnlich. Allerdings kann uns die Anzahl der Veränderungen, die Zeitdauer und Intensität als Gradmesser zwischen normaler Schwankung und möglichen Anzeichen einer bevorstehenden Krise dienen. Sollten wir also über eine ungewohnt lange Zeit auffällig viele ungewöhnliche Eigenschaften an uns bemerken oder für uns wenig ausgeprägte Charaktermerkmale wie beispielsweise Aggression sehr verstärkt wahrnehmen, spricht dies für Alarmsignale, auf die wir reagieren sollten.

Aber selbst wenn wir nur ein Anzeichen wahrnehmen, das uns beunruhigt, sollten wir es nicht ignorieren. Je achtsamer wir für innere Veränderungen sind und je früher wir ungünstigen Entwicklungen entgegensteuern, desto einfacher wird es sein, schnell zu unserem Wohlfühlzustand zurückzukommen.

Achtsamkeit als Frühwarnsystem

Um unseres Inneres selbst in der Hektik des Alltags genügend im Blick zu behalten, können wir unsere Achtsamkeit trainieren. Die Möglichkeiten hierfür sind vielfältig und leicht umzusetzen.
Ein einfacher Weg ist der, einen Gegenstand wie z. B. einen Stein dort einzustecken, wo er uns mehrmals am Tage auffallen wird. Immer wenn wir diesen Gegenstand fühlen oder sehen, können wir uns fragen, wie es uns geht und wie der Tag bisher eigentlich gelaufen ist. Hierbei geht es nicht darum, zum Hypochonder zu werden oder nur noch um sich selbst zu kreisen. Vielmehr gilt es eine Achtsamkeit, also eine Form von Aufmerksamkeit zu entwickeln, die uns erkennen lässt, wo in unserem Innenleben Ungereimtheiten und Alarmzeichen auftreten. (Weitere Achtsamkeitstipps s. Übungen)
Vielleicht entdecken wir beim Hineinhorchen, dass unsere bereits den ganzen Tag anhaltende Unkonzentriertheit nicht nur Tagesform ist, sondern ein Zeichen dafür, dass der morgendliche Streit mit dem Partner noch auf unserer Seele lastet und einer Klärung bedarf. Schon mit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für die kleinen Auffälligkeiten, die wir ansonsten gerne beiseiteschieben, um uns nicht beeinträchtigen zu lassen, können wir einen solchen Konflikt, der sich bisher unbemerkt angebahnt hat, erkennen und verhindern.
Ein weiteres sehr einfaches Beispiel für die positiven Resultate erhöhter Achtsamkeit ist folgendes: Wir merken, dass wir nur fünf bis zehn Minuten Ruhe benötigen, die uns Kraft geben, um die Kinder ausgeglichen und fröhlich anstatt gehetzt und gereizt von der Kita abzuholen. Vielleicht geben uns die paar Minuten Ruhe auch einfach nur die Möglichkeit, unseren Partner mit einem ruhigen offenen Lächeln zu begrüßen, und damit den Verlauf des gesamten weiteren Tages in positive Bahnen zu lenken.
Häufig zeigt sich in solchen Situationen, in denen wir aus Zeitgründen oder mangelnder Aufmerksamkeit Ruhepausen einsparen, dass uns gerade dann Missgeschicke passieren, die im Endeffekt zu einer nervenraubenden Alltagskrise führen können sogar oftmals noch mehr Zeit kosten, als eine kleine Pause es getan hätte.

FAZIT: Mit Hilfe von Achtsamkeit können wir Krisenanzeichen erkennen sowie unsere und die Bedürfnisse anderer klarer wahrnehmen und Ihnen Wege bahnen. Das wiederum führt zu mehr Frieden, innerer Stabilität und Widerstandskraft. Je stabiler und widerstandsfähiger wir sind, umso leichter meistern wir die täglichen Hürden, Probleme und kleine Krisen, und desto eher können wir den schönen Dingen des Lebens die Türe öffnen.

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