Psychischen Krisen vorbeugen, sie meistern und nutzen - Teil 3 von 3

28.09.2012

Gott, Freunde oder doch lieber den Therapeuten zurate ziehen, wenn man selbst nicht weiterweiß? Oder sollte man sich am Ende besser auf die eigenen Stärken besinnen? Lesen Sie in diesem letzten Teil über verschiedene Bewältigungs-Strategien und finden Sie die für Sie persönlich richtige Mischung.


Der Glaube kann nicht nur Berge versetzen

Auch die wissenschaftlichen Befunde zur Wirkung von Religiosität gleichen in mancher Beziehung den Befunden zum Einfluss von Optimismus auf die Gesundheit. Sowohl Optimismus als auch eine gewisse Religiosität scheinen Gelassenheit und ein Grundvertrauen in den Gang der Dinge zu fördern. Etwas davon steckt auch schon im Wort „Glaube“, welches eine Übersetzung des griechischen Substantivs „pistis“ ist und auch mit „Treue, Vertrauen“ übersetzt werden kann. Vertrauen ist ein Wesensmerkmal bei jeder Art von Glauben. Und Vertrauen in etwas zu haben, nimmt die Last von uns den Gang der Dinge kontrollieren oder steuern zu müssen. Wir brauchen die volle Verantwortung nicht tragen, da jemand oder etwas anderes dafür zuständig ist, in dessen Unfehlbarkeit wir vertrauen. Deshalb kann jede Form von Glauben eine große geistige Entlastung sein!

Aus diesen Gedanken heraus ist vielleicht folgendes Gebet geschrieben worden. Probieren Sie es doch gerne mal aus! Und falls Sie nicht an einen personifizierten Gott glauben, ersetzen Sie doch "Herr z.B. duch 'Gütiges Universum', 'Liebe Mutter Erde', 'Himmlische Mächte', Höheres Selbst' od. etwas anderes, was Ihnen passender erscheint :

"Herr, gib mir die Gelassenheit
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, das zu ändern,
was ich ändern kann.
Und die Weisheit,
das eine vom anderen zu unterscheiden."

Aber nicht nur das Merkmal des Vertrauens, sondern auch die Leit- und Orientierungsfunktion des Glaubens kann eine Unterstützung in Krisen sein. So gibt uns der Glaube Antworten auf wichtige ethische Fragen und gleichzeitig Verhaltensvorschriften, die uns leiten können. Manche moralische Zwickmühle entsteht dadurch gar nicht erst oder wird so gelöst. Vielleicht ist es nicht ratsam zugunsten einer strengen Religiosität, seinen eigenen Kopf und die Stimme seines Herzs auszuschalten. Bei schwierigen Fragen oder in Situationen, in denen man Orientierung sucht, sich zu erinnern oder nachzulesen, was denn der eigene Glaube oder andere Religionen dazu sagen, kann jedoch  hilfreich sein. Nicht umsonst haben sich vielfach Jahrtausende lang Menschenn daran orientiert.

Aber nicht nur religiöser Glaube stärkt uns. Auch Menschen, die den Glauben an sich, eine höhere Macht oder einfach nur daran haben, dass auf jedes „Ab“ ein „Auf“ folgt, sind bei der Krisenbewältigung anderen gegenüber im Vorteil!


Probleme nicht alleine lösen - um Rat fragen

Bei allen Menschen hat sich neben Optimismus und Glauben, das persönliche Umfeld als eine wesentliche Hilfe zur Unterstützung in Krisenzeiten herausgestellt. So ist es Tatsache, dass uns die Einbindung in ein festes soziales Netz von Freunden oder der Familie besser mit Schicksalschlägen fertig werden lässt. Denn trifft uns das Schicksal, fühlen wir uns nicht alleine und können uns, falls wir Redebedarf haben oder konkrete Hilfe brauchen, an unser Umfeld wenden. Trotzdem fällt es uns oft vielleicht schwer um Hilfe zu bitten. Möglicherweise kann folgende Überlegung Sie ein weing ermutigen, ohne Sorge auf Ihre Mitmenschen zuzugehen: Ob Sie es glauben oder nicht, viele Menschen helfen gern, wenn Sie gefragt werden! Denn Hilfe geben zu können zeigt uns selbst, dass wir etwas zu geben haben, dass etwas zum Positiven verändern können und, dass unser Dasein etwas bewirkt, dass wir einen Anteil am Glück des Anderen ausmacht. Niemand kann jedoc helfen, ohne dass es jemand anderen gibt, der die Hilfe annimmt. Tun Sie ihren Mitmenschen also etwas gutes und zeigen Sie sich auch von der annehmenden Seite. :)

Wer ist die richtige Ansprechperson?
Kennen Sie das? Sie brauchen jemandem zu reden oder überwinden sich um Hilfe zu fragen und werden abgewiesen. Jetzt fühlen Sie sich noch schlechter als zuvor und wünschten, nie gefragt zu haben. Oder: Sie diskutieren Ihr Problem mit einigen Freunden oder Bekannten und wissen letztendlich gar nicht mehr, was zu tun ist.
Wenn wir uns jemandem anvertrauen wollen, wählen wir am besten einen Menschen, den wir als einfühlsam erleben und an dessen Leben wir vielleicht erkennen können, dass er selbst schon einige Probleme gemeistert hat.
Einfühlsame Menschen sind häufig in der Auseinandersetzung mit Gefühlen geübt und können deshalb in der Regel eine bessere Hilfe sein, als Personen, die auf ihre eigenen Gefühle nicht eingehen und erst recht nicht auf unsere eingehen können. Insgesamt stellt sich aber natürlich die Frage, in welcher Hinsicht wir Hilfe oder Rat suchen. Geht es um Einfühlung, sensible Themen und zwischenmenschliche Belange ist ein sensibler, feinfühliger Mensch wahrscheinlich der Richtige. Geht es um Themen der Schuldentilgung oder Geschäftsführung die zu unserer Krisensituation maßgeblich beitragen, so ist jemand mit kaufmännischem Verstand und pragmatischen Herangehensweisen vielleicht eher der Richtige.

Wo finde ich den richtigen Gesprächspartner?
Wenn wir merken, dass wir Redebedarf haben oder das Gefühl aufkommt, dass wir es alleine nicht mehr zu schaffen sollten wir nicht zögern, einen für uns geeigneten Menschen anzusprechen! Solche Menschen in unserem Freundeskreis oder der Familie finden zu können, bietet Sicherheit und Halt. Aber soziale Netzwerke und Gemeinschaften die uns stützen können, findet man beispielsweise auch in religiösen Gruppen, Sport- und Musikvereinen bzw. in jeder Form von Gemeinschaft, wo sich Menschen zu einem Zweck zusammentun. Solche Kontakte zu pflegen und in guten Zeiten auch selbst bereit zu sein, etwas von sich zu geben, das ist etwas, was sich irgendwann in jeder Hinsicht auszahlt ;). Aber auch die Telefonseelsorge oder jede Art von Beratungsstelle bieten qualifizierte Gesprächspartner, die nur darauf warten angesprochen zu werden!


Therapie oder lieber Freunde und Verwante um Hilfe fragen?

Da nicht jeder hat in seinem Umfeld Menschen, die als Hilfe geeignet erscheinen oder denen man sich anvertrauen will, ist professionelle Hilfe ein weiterer Weg, um eine Krise zu bewältigen. Trotzdem gilt dieser Weg oftmals noch unbegründeterweise als Tabu, über den ungerne gesprochen wird. Dabei ist professionelle Hilfe aufzusuchen ein Schritt, der zeigt, dass wir eine Krisensituation erkannt haben und uns aktiv um Lösungsmöglichkeiten bemühen – also ein Zeichen für Reife.
Manche Situationen können derart komplex sein, dass professionelle Hilfe unumgänglich ist. Wenn wir ein Gartenhäuschen bauen wollen, tun wir dies vielleicht allein oder mit einem kompetenten, geschickten Freund. Wird es aber komplizierter und wir müssen ein ganzes Haus mit Keller und mehreren Stockwerken errichten, wären wir Esel, dies mit unserem Freund allein versuchen zu wollen. Wesentlich schlauer und bestimmt auch erfolgreicher wäre es da wohl, sich an Menschen zu wenden, die sich professionell damit auskennen. Und genauso schlau und von Erfolg gekrönt kann die Suche nach einem geeigneten Psychotherapeuten oder einer passenden Beratungsstelle sowie Selbsthilfegruppe sein.
Freunde und Bekannte können zwar eine große Hilfe sein, kommen aber häufig auch an ihre Grenze der Belastbarkeit, besonders, wenn die Krise eine Weile andauert oder sie selbst auch noch andere Herausforderungen zu bewältigen haben. Wer seinen Bekannten und Familienkreis dauerhaft überfordert, tut sich letztendlich auch keinen Gefallen damit.


Eigenen Stärken und Ressourcen sehen

Das Bewusstsein für das, was wir können und was wir bisher erreicht haben, ist eine wertvolle Stütze in schwierigen Zeiten. Indem wir uns an unsere eigenen Stärken erinnern, können wir Kraft und Selbstbewusstsein in der Krise wiederfinden oder aufbauen.
Leider fällt es uns aber oft schwer die eigenen Erfolge genauso anzuerkennen wie die anderer. So gilt es gesellschaftlich als verpönt, sich an dem zu laben, was wir geschaffen haben. Wir leben in einer Gesellschaft, die immer größer, schneller, höher hinaus will. Es scheint stets erstrebenswert immer mehr zu schaffen und sich dabei nur nicht auf alten Erfolgen auszuruhen. Damit begeben wir uns ständig in das Gefühl eines Mangelzustandes, in dem wir unseren Reichtum, wie auch immer er beschaffen ist, kaum oder nur für kurze Zeit wahrnehmen.
Aber wer sagt eigentlich, dass es falsch ist, stolz auf uns und unsere Leistungen zu sein? Warum sollten wir uns nicht alle so loben wie wir ein Kind loben, wenn es ein Bild gemalt oder Bauklötze aufeinandergestapelt hat? Was wäre schlecht daran, wenn wir uns auch so fühlen dürfen wie diese Kind? Ich will es Ihnen sagen: Nichts wäre falsch. Im Gegenteil, wir loben Kinder für Ihre Leistungen, damit sie ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln können und damit sie motiviert weiter die Welt entdecken und neue Fähigkeiten entwickeln. Von daher ist es schlau uns auch ein wenig auf diese Weise zu unterstützen. Deshalb bekommen Sie heute von mir nicht nur die Erlaubnis, sondern sogar den Auftrag: Seien Sie stolz auf Ihre bisherigen Leistungen, Begabungen, Ideen, persönlichen Eigenschaften, auf Ihre Freunde und auf alles, was sonst noch dazu taugt :). 

Da wir in Krisen aber häufig auf die negativen Dinge fixiert sind, wäre es günstig, wenn wir uns angewöhnen, auch in düsteren Zeiten, unsere Stärken nicht zu vergessen. Gerade in Krisenzeiten, in denen wir eben keine Bäume ausreißen können, sollten wir es uns gönnen anzuhalten, luftzuholen und tief danach zu schauen, was wir eigentlich bisher schon geleistet haben. Wir werden merken, dass wir zu einer Menge fähig sind. Auch wenn es sich zeitweise mal anders anfühlt.
„Was haben ich für eine Ausbildung?“, „Was habe ich für einen finanziellen Hintergrund?“, „Was sind oder was "waren" meine Talente?“ oder „Was habe ich in meinem Leben bisher schon für Herausforderungen bewältigt?“ Dies alles sind Beispiele für Fragen, die uns in Zeiten der Orientierungslosigkeit bewusst machen können, zu was wir eigentlich in der Lage sind und uns den stabilen Rahmen aufzeigen, den wir besitzen, in dem wir uns mit Selbstvertrauen bewegen können und sollten. 
Um sich dies zu verdeutlichen empfehle ich folgende kleine Übung: Erstellen eines Dankbarkeits- und Sorgenkästchens.
Oftmals sehen aber auch Freunde unsere Stärken viel deutlicher als wir es selbst tun. Fragen wir sie doch einfach mal konkret nach dem, was sie an uns für Stärken sehen und was sie an uns mögen. Tun Sie es einfach mal. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sehr positiv überrascht sein werden! Wenn Sie sich ein wenig intensiver damit beschäftigen wollen, probieren Sie die Übung: Positive und negative Eigenschaften balancieren und integrieren



FAZIT:

Krisen sind also keineswegs nur düstere Einbahnstraßen. Krisen bergen die Chance, uns zu verändern und unseren Ängsten und Problemen in die Augen zu schauen und unser Leben so zu gestalten, dass es uns wieder Freude macht. Also seien wir mutig und nehmen die nächste Krise als Herausforderung, aus der es gestärkt hervorzutreten gilt.

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Kommentar von Nils | 17.10.2014

Vielen Dank für die Ausführungen. Vorallem das "Gebet" auch wenn ich ÜBERHAUPT nicht religiös bin, hat mir geholfen. Für mich ist es eher eine Bitte an Mutte Erde, wenn überhaupt an jemanden. Und es macht bewusst, dass wir bestimmte Dinge nicht in unserer Macht stehen geändert zu werden. Für den Rest jedoch lohnt es sich aufzustehen und zu kämpfen.
Schöne Grüße aus Mexiko, wo ich grade gegen Menschenrechtsverletzungen und mit den psychischen Belastungen von Dauernachrichten über Menschenrechtsverletzungen kämpfe.
NN